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18. 03. 2019

Niklas Kapeller gewinnt Kärntenausscheidung zur Philosophieolympiade 2019

Artikel verfasst von  Günter Lenart

Niklas KapellerCould it be me? So der Titel des philosophischen Essays, mit dem Niklas Kapeller den heurigen Landeswettbewerb gewann und nun zum Bundeswettbewerb nach Salzburg fahren darf.
Ausgehend von einem Zitat des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk, das eine allgegenwärtig gewordene „Starmania“ skeptisch beleuchtet, hat Niklas eine kritische Abhandlung über den „Wettbewerb“ per se verfasst und mit der These – dass alleinig Wettstreit und Konkurrenz unseren Fortschritt sichern können – gründlich aufgeräumt. Natürlich blieb dabei auch ein Seitenhieb auf den Essayschreibwettbewerb, an dem er selbst teilnahm und prompt gewann, nicht aus. Letztendlich ausschlaggebend für seinen Erfolg war jedoch neben der hohen sprachlichen Qualität des Textes sein präsentierter Vorschlag bzw. Ratschlag - oder noch besser - eine Einladung, mit der er seine Abhandlung beschloss. Einladung zu was?

Could it be me? --- Der preisgekrönte Text zum Nachlesen

Thema 1:

Die Älteren von früher haben den Jungen gesagt: Es kommt darauf an, mit dem, was man hat, und mit dem, was man ist, zufrieden zu sein. Diese Elementarform von Lebensklugheit ist durch massenmediale Trends hinweggefegt worden. Wir leben in einer Gesellschaft aus Stars, die nur noch nicht entdeckt sind. In jedem Ego tickt die Zeitbombe: It could be you. 

-          Peter Sloterdijk: Vom Menschen zum Monstrum. Interview mit Michael Hesse, Frankfurter Rundschau, 18. 9. 2014

Could it be me?

Allumfassend und gnadenlos sucht er uns heim. Er erschöpft uns, treibt uns an, steuert uns in eine ganz bestimmte Richtung. Einige belohnt er, aber viele andere verschmäht er ohne Rücksicht auf sie zu nehmen. Er nimmt, er gibt, doch stets so, dass er profitiert. Jedem macht er Hoffnung, lockt und verzaubert die Unschuldigen, um sie später auszubeuten. Er ist wahrlich ein schlimmer Gesell, und doch gern gesehen bei jedermann.

Die Rede ist vom Wettkampf.
Es vergeht kein Tag, da man nicht auf einen Wettbewerb stößt. Wo man auch hinblickt, der Wettstreit war schon da. Unklug, wie die Menschen sind, laufen sie stets in die Fallen, die er ihnen stellt; es muss allen klar sein, dass es nur einen Gewinner geben kann und alle anderen Verlierer sein werden – der Gewinner, das ist er, der Wettbewerb selbst, sowie ihrer eigenen Ansicht nach auch die, die sich ihm zu Genüge unterworfen haben, um von ihm einen Trostpreis zu erhalten. Und trotz alldem nimmt dem Wettkampf sein Tun niemand übel – aus Angst, in Ungnade zu verfallen.

Nichts und Niemand hält eine ganze Gesellschaft so gut in Atem wie der Wettbewerb. Schon längst sind alle Bereiche des täglichen Lebens vom immerwährenden Kampf, vom immerwährenden Wettkampf durchdrungen, schon längst ist alles darauf ausgerichtet, gleichgeschalten.
Dies stimmt jedoch nur bedingt. Tatsächlich ist der Wettbewerb weniger ein Usurpator als ein Revolutionär: Denn die Sinnfrage, die ihren Thron verteidigt, ist von keinem Interesse für deren Kontrahenten; im Gegenteil, sie ist nur hinderlich. Also ist der Wettbewerb sehr bemüht darum, diesen Thron gleich vollständig hinwegzufegen, anstatt ihn einzunehmen. Wo keine Antwort nach der Sinnfrage ist, noch nicht einmal die Frage selbst, sondern nur Wettbewerb, sind keine Ausflüchte möglich.

Das Prinzip des Wettkampfes ist uralt. Nie war Leben denkbar, ohne dass es nicht immer ein Wettstreit gewesen wäre, so erklärt es die Evolutionstheorie. Der Wettkampf hat verfügt, dass sich ihm zu Ehren die Kreaturen in Luft, Wasser und an Land zu ihrem eigenen Nutzen gegenseitig kannibalisieren, sich gegenseitig Leid antun, eh sie selbst Opfer ihrer Strategie werden. Der Kampf um das Überleben war immer ein Wettkampf; lange Zeit war er der einzige.

Zwar hat nichts auf Erden je ohne Konkurrenzdenken gelebt, doch in den Himmel gehoben, wirklich gefördert und hochgehalten wurde dieses Prinzip erst durch uns, die Menschheit. Den Tieren und Pflanzen ist der Kampf ums Überleben ihr größter Feind, es ist klar, dass es am Ende nur Verlierer geben wird; doch den Menschen ist es gegeben, anzunehmen, es würde bei jedem Wettstreit einen Gewinner geben, einen Gewinner, der man selbst sein könnte.

Wie hat man es nun angestellt, das Wetteifern in jedem Bereich des Gesellschaftslebens zu implementieren? Der unglückselige Initiator dürfte wohl derjenige gewesen sein, der vor lang vergangener Zeit sein überflüssiges Getreide, vielleicht aber seine Fische, seine Jagdbeute oder welche Ressource auch immer seinen Mitmenschen verweigerte, um daraus einen Vorteil zu ziehen. Das war die erste wirkliche Opfergabe an den Wettbewerb. Anstatt der Gemeinschaft aktiv und direkt zu helfen, wurden die bestehenden Ressourcen zugunsten des Zwiespalts und des Konkurrenzkampfes aufgewendet, was aufgrund des Bedarfs nach diesen elementaren Rohstoffen die davon Abhängigen zwang, sich den Wettbewerbsregeln zu unterwerfen. Die deutlich sichtbare Macht, die mit diesem Handeln einhergeht, muss auf die noch nicht im Wettstreit involvierten eine unglaubliche Faszination ausgeübt haben; das könnte ich sein, werden sie gedacht haben, und somit prompt haben sie selbst den Kampf um Macht dem schlichten Funktionieren der Gesellschaft vorgezogen.

Es könnte ich sein, ich könnte der große Gewinner sein, ich!
Ein Mantra für tausend Generationen. Der Konkurrenzkampf wucherte und gedieh, infizierte bald die ganze Welt und nahm an Garstigkeit und Vielfalt mehr und mehr zu, fand Platz in jedem Aspekt gesellschaftlichen Lebens.

Seit der bloßen Kontribution von Getreide ist viel passiert. Anstelle der Naturalien traten bald Ersatzmittel, die schön glitzerten, zwar an sich keinen Wert hatten, aber durch Glauben einen bekamen. Auch wenn es nie so leicht erkenntlich war, im Endeffekt glaubte man immer an den Wettbewerb, nichts anderes. Verglichen damit, wie plump der Glaube an diese Ersatzmittel namens Währung fundiert ist, erstaunt es sehr, welch katalysatorische Wirkung er beim Wettbewerb doch hervorrufen konnte.

Denn nun konnte wirklich jeder sehen und denken: Das könnte ich sein!
Immer wieder erfand sich der Wettbewerb selbst, nicht nur im ökonomischen Sinn, wo die unsichtbare Hand desselben erst mit buntem Papier spielte, dann, in jüngster Zeit, mit virtuellem Geld, das sich auf keinen reellen Gegenwert stützt. An einem gewissen Punkt in der Geschichte, der schwer auszumachen ist, übertrat das Wetteifern die Grenze zwischen ökonomischem und sozialem – und wurde zum Volkssport. So, wie der kommerzielle Konkurrenzkampf dem karitativen Miteinander vorgezogen worden ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch das genügsame, ungezwungene Zusammenleben ausgedient hatte. Die Währung ist aber weder Getreide, noch Gold, buntes Papier oder die Magnetisierung einer Plastikkarte, sondern Anerkennung.

Anerkennung kann, wenn sie zur Währung wird, nicht mehr einfach so gegeben werden. Es ist, als würde man Geld verschenken – damit wäre anderen geholfen, doch damit gewinnt sich kein Wettbewerb. Dass der Wettbewerb hier sehr verlockend ist, dürfte klar sein. So entsteht ohne große Schwierigkeit eine Art Anerkennungsökonomie, die die Menschen mit dem Lockruf „Es könntest du sein!“ verzaubert.

Anerkennung ist für die seelische Gesundheit so wichtig wie Nahrung für das körperliche Wohlbefinden, deswegen ergibt sich eine ganze Reihe von Problemen, wenn diese plötzlich etwas kostet, wenn sich diese plötzlich von etwas zwischenmenschlichen, Kostenlosem zur knallharten Währung und begehrten Handelsware wandelt. Wie für Geld und das täglich Brot muss plötzlich auch für Anerkennung gearbeitet werden. Man könnte sich dagegen auflehnen, man könnte selbstverständlich hinterfragen, wieso man für etwas schuften soll, das eigentlich frei verfügbar sein sollte – aber nein, denn es könnte und sollte ich sein, ich, der die allermeiste Anerkennung verdient, ich muss dieses Spiel nur gewinnen.

Ein Spiel. Mehr ist das Leben nicht, wenn es erst zum Wettbewerb verkommen ist. Diese Perspektive, es sei ohnehin alles ein bloßes Spiel mit Regeln und einem festgelegten Ziel, das eben nur der Gewinner erreicht, wird noch nicht einmal mehr kritisch betrachtet, wenn erst die ganze Gesellschaft nach den Spielregeln vorgeht.

Bei einer solchen Degradierung des Daseins zum bloßen Wetteifern, zum bloßen Spiel verliert sich die Sinnfrage schließlich vollständig. Nicht eine Antwort wird gegeben, sondern anstatt eines Sinns ein Ziel, ein Preis – wie es bei Wettkämpfen üblich ist. Reich sein, das ist für viele Menschen das Ziel in ihrem Leben, und wenn nicht das, dann wohl möglichst viel Luxus. Zu dem fügt sich das Verlangen nach Anerkennung, nach sozialem Status, was oft in Wechselwirkung mit dem materiellen Reichtum steht; eine Sonderregel des Spiels des
Lebens. Die Spieler werden nie gefragt, ob sie mitspielen möchten, dennoch eifern fast alle von ihnen ohne weitere Fragen um die Wette. Es geht darum, zu gewinnen, das ist das Ziel – und daneben existiert kein anderes. Es geht also um das gewinnen, nicht um das verwenden von dem, was man hat. Es mag schon sein, dass jedem etwas gegeben ist – unterschiedlich viel von unterschiedlicher Art – doch damit zu arbeiten, davon zu leben ist keine Option, was man nicht hat, muss gewonnen werden, nicht geschaffen. Der große Ansporn im Spiel ist das Wissen darum, dass die meisten verlieren werden – doch das ist nicht etwa Anlass, sich zu solidarisieren, sondern umso verbissener nach dem Hauptgewinn zu streben, weil man auf gar keinen Fall zu den Verlierern zählen will – denn es könnte ja ich sein!

Zur These, der Wettbewerb an sich sei etwas generell schlechtes, möge man mir nun entgegnen, es könne gar keinen Fortschritt geben, würden die Menschen nicht unter ständigem Konkurrenzdruck stehen, es sei folglich etwas uns sehr förderliches, dass wir den natürlichen Wettkampf um das Überleben zu unserer Staatsreligion und Weltordnung gemacht hätten. Im Übrigen würde man meinen, es zeuge von Unverstand, im Zuge eines Wettbewerbs Wettbewerbe zu verteufeln.

Dem wiederum antworte ich, dass die behauptete Notwendigkeit des Konkurrenzdenkens keineswegs notwendig, sondern lediglich möglich ist und die augenscheinliche Ironie, gerade dieses Thema bei einem Wettkampf zu behandeln, vollkommen beabsichtigt. Wettkämpfe mit Preisen sind im Wesentlichen nur ein Weg, Menschen anzuspornen, es ist nur ein Weg von vielen! Zugegebenermaßen ist der Wettkampf die simpelste Möglichkeit, Menschen zu motivieren, weil er an ihren Selbsterhaltungstrieb appelliert. Da dieser Trieb jedem Menschen gegeben ist, lässt sich das Wetteifern sehr einfach als Selbstschutz vor einer Bedrohung, die paradoxerweise der Wettbewerb selbst ist, installieren.

Eine nachhaltigere Methode zum Ansporn, die denselben Fortschritt hervorbringen könnte, ist das Streben nach Gemeinwohl. Auch hierbei wird an etwas zutiefst menschliches appelliert – Gemeinsinn. Wenn der Wunsch nach Gesellschaft nicht von dem nach Gewinn überschattet wird, so sollte es möglich sein, dass viele wie zum Gewinnen eines Preises zusammenkommen, doch stattdessen, und das gilt besonders für diese Olympiade, voneinander lernen, einander helfen – zum Wohl aller.

Und das neue Mantra davon? It could be us.

Von den rund zwei Dutzend Essays, die heuer in Kärnten eingereicht wurden, haben es 17 ins Finale geschafft. Die zwei Preisträger, nämlich Niklas Kapeller und Benjamin Kattnig vom Europagymnasium Klagenfurt fahren nun Anfang April für drei Tage zum Bundeswettbewerb nach Salzburg, wo die Bundessieger ermittelt werden. Diese werden schließlich zur „internationalen Olympiade“ im Mai nach Rom eingeladen.

Mit Niklas und der 7A freue auch ich mich als Betreuer und Verfasser dieser Zeilen ganz besonders und möchte dazu ergänzen, dass mir Niklas nicht nur einen, sondern gleich zwei qualitativ gleichwertige Essays vorlegte und wir dann die Qual der Wahl hatten, welchen wir ins Rennen schicken sollen.

Veritas und Justitia --- Niklas' 2. Text zum Nachlesen

Thema 4:

„Die Gerechtigkeit ist die erste Tugend sozialer Institutionen, so wie die Wahrheit bei Gedankensystemen. Eine noch so elegante und mit sparsamen Mitteln arbeitende Theorie muß fallengelassen werden, wenn sie nicht wahr ist; ebenso müssen noch so gut funktionierende und wohlabgestimmte Gesetze und Institutionen abgeändert oder abgeschafft werden, wenn sie ungerecht sind. Jeder Mensch besitzt eine aus der Gerechtigkeit entspringende Unverletzlichkeit, die auch im Namen des Wohls der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden kann. Daher läßt es die Gerechtigkeit nicht zu, daß der Verlust der Freiheit bei einigen durch ein größeres Wohl für andere wettgemacht wird.“

-          John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, S.19 f.

Veritas und Justitia

So sehr sich die Philosophen der heutigen Zeit auch von den Wissenschaftlern unterscheiden, bleibt diesen beiden Professionen stets eine wesentliche Gemeinsamkeit. Diesen gemeinsamen Nenner teilen die Freunde der Weisheit nicht nur mit den Männern und Frauen der Wissenschaft; und selbst die Religionsstifter, die von der Wissenschaft nicht gerade geachtet werden, haben doch das idente Anliegen.

Dass dieses Anliegen bei jeder einzelnen dieser akademischen Disziplin fest im Wesen derselben verankert ist, weiß jeder. Es verhält sich dennoch so, dass die meisten Vertreter der oben genannten Denkschulen heute miteinander im Streit liegen, obwohl sie doch im Grunde alle dasselbe anstreben: Wahrheit.

Aus dieser Uneinigkeit lässt sich schließen, dass – sofern es sich bei eben dieser abenteuerlichen Behauptung nicht um die Wahrheit handelt – es keine alleinige Wahrheit gibt, sondern alles Ansichtssache ist.
Aber vorausgesetzt, die Wahrheit ist tatsächlich Ansichtssache, müsste die große Wahrheit für jedermann doch gefunden sein, wenn nur die Ansicht aller, ja, wirklich aller Menschen dieselbe ist. Wenn wirklich alle Personen der Meinung sind, die wahrhaftige Wahrheit zu kennen und diese universelle Wahrheit eben die individuelle Wahrheit jedes Individuums repräsentiert, gäbe es eine einzige Perspektive und somit eine einzige Wahrheit – die jedoch bloße als eine traurig vereinsamte Denkweise in einer alternativlosen Ödnis existiert.

Der Exkurs zur Wahrheit muss nun ob dem Wettbewerb ein abruptes Ende finden, denn Wahrheit ist nicht Thema dieses Aufsatzes; tatsächlich geht es hier um die Zwillingsschwester der Wahrheit, nämlich um die Gerechtigkeit. Zwar sind Justitia und Veritas in der Mythologie nicht verwandt, doch mit der Zeit mehr und mehr verschwistert worden.

Wie bei der Wahrheit nämlich strebt auch eine Unzahl von Menschen aller Art und Profession nach „Gerechtigkeit“, wobei sich die Gerechtigkeit genauso wie die Wahrheit bis heute gut vor dem menschlichen Verstand versteckt hält. Seien es nun Politiker, Anwälte, Richter, Demonstranten, Terroristen, Polizisten, Diebe, Philosophen oder Prediger – die Gerechtigkeit scheint für jede Gruppe, zumindest vordergründig, von höchster Bedeutung zu sein.
Jedoch haben Sie als Leser diese Auflistung gewiss nicht zur Kenntnis genommen, ohne sich wenigstens ein bisschen zu wundern, wer dort alles zum Verfechter der Gerechtigkeit erklärt wird. Beim Richter und dem Polizisten sowie dem Philosophen wird es Ihnen wahrscheinlich noch plausibel erschienen sein, vielleicht sind Sie auch mit der Existenz von gerechten Anwälten, Politikern und Aktivisten vertraut; aber Diebstahl und Terror mit Gerechtigkeit zu assoziieren, das scheint höchstwahrscheinlich fast allen Lesern eine Anmaßung zu sein. Fast allen deshalb, weil sich durchaus einige Diebe, Terroristen oder aber Philosophen eines bestimmten Schlags unter den potentiellen Lesern befinden könnten.

Der Dieb stiehlt, der Terrorist mordet und der randalierende Demonstrant zündet Fahrzeuge an – aber nicht, weil sie erpicht darauf sind, das Böse zu verkörpern und der Welt dementsprechend erscheinen möchten. Das Gegenteil ist der Fall. All diese Handlungen beruhen in der Regel darauf, dass die handelnde Person der Überzeugung ist, es sei gerecht, so zu handeln, und obendrein wahrscheinlich meint, diese Tat sei richtig; das Wahre, so könnte man es nennen. Also handelt es sich bei der Gerechtigkeit nur um Ansichtssache?

Im Allgemeinen strebt doch jeder nach der Gerechtigkeit für sich selbst, was dem Begriff zu wiedersprechen scheint, dennoch aber keinen der Selbstgerechten Akteure zu stören scheint – schließlich ist das, was man selbst tut, stets das Gerechte, das Wahre.

Um vorzubeugen, dass sich die Menschheit vor lauter individueller Gerechtigkeit erschlägt, hat man schon vor langer Zeit gehandelt. Dieser Schutz der Individuen vor der individuellen Gerechtigkeit nennt sich „Gesetz“. Synonym zu diesem Namen wird etwa das Wort „Recht“ verwendet. Dadurch wird schon deutlich, dass es sich um so etwas wie Gerechtigkeit handeln soll, wenn auch nur um eine Abwandlung dessen.
Um die Wortspielerei um eine Ebene zu erweitern, sei unverbindlich angemerkt, dass „recht haben“ natürlich auch ein Synonym sein kann für das Konzept des „richtigen Gedankens“ den eine Person hat. Und was ist ein „richtiger“ Gedanke, wenn nicht die Wahrheit?
Sind die Gerechtigkeit und die Wahrheit etwa doch verwandt?
Sind Gerechtigkeit und Wahrheit etwa dasselbe?

Nun, wie oben schon erklärt, müssen die Menschen offenbar vor ihren eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen beschützt werden, dies gelingt in der Gesellschaft mithilfe einer einheitlich vorgeschriebenen Auffassung des Begriffes Gerechtigkeit. Die Abwesenheit dieser Vereinheitlichung erzeugt einen Zustand namens Anarchie, in dem eine Gesellschaft ohne Regeln lebt – in der Regel jedoch nicht ohne Regeln auskommt. Beobachten lassen sich die Gründe am besten bei Menschen, die in einer gut- oder überregulierten Gesellschaft leben. Viele dieser, vielleicht auch Sie, werter Leser, werte Leserin, denken beim Wort Anarchismus als erstes an mutwillige Zerstörung und Chaos; beziehungsweise die Möglichkeit, selbst mutwillig zu zerstören und alles zu tun, wovon einen nur das Recht abhält.
Im Kurzen, Paradoxen: Solange die Menschen ohne Gesetze tun würden, wovon sie die Gesetze abhalten müssen, sind sie nicht bereit für ein Leben ohne Gesetze.
Insofern ist es wirklich ein Segen für uns alle, dass es Gerechtigkeit in Form von Recht gibt. Aber ist dies wirklich Gerechtigkeit?

Eine reale Vereinheitlichung der Ansichtssachen zum Gemeinwohl, wie sie das Gesetz darstellt, ähnelt der hypothetischen Vereinheitlichung der Wahrheiten doch sehr – aber die Eine Wahrheit, die durch, ja, Zurechtschliff aller persönlichen Sichtweisen erzielt würde, existiert aus gutem Grund nicht; existierte sie doch, so hieße sie Totalitarismus.
Wo alles, was nicht der Wahrheit entspricht, falsch ist, nicht geduldet wird und bestraft wird, spricht man von Autokratie.
Wo hingegen alles, was nicht dem Recht entspricht, geahndet und bestraft wird, spricht man von einem Rechtsstaat.
Dies soll natürlich nicht bedeuten, dass ein Rechtsstaat ident mit einer Autokratie ist, jedoch wohl dass die Meinungsfreiheit, die den wohl größten Unterschied ausmacht, lediglich existiert, weil mit Wahrheit nicht so verfahren wird, wie mit der Gerechtigkeit, was in diesem Fall als etwas positives zu betrachten ist.

Besteht ob der Tatsache, dass die unitäre Wahrheit aber derart unwahr ist, denn überhaupt noch die Möglichkeit, dass das Recht gerecht ist?
Tatsächlich wagt es der Autor dieses Textes zu behaupten, dass das Rechtssystem, so, wie es im modernen Westen besteht, durchaus akzeptabel ist und auch seinen Zweck erfüllt, praktisch also wenig daran auszusetzen ist. Das größere Problem liegt indes jedoch darin, dass viele politische und gesellschaftliche Entscheidungen bewusst nicht aufgrund des Prinzip der Gerechtigkeit getroffen werden, unabhängig davon, wessen Gerechtigkeit gemeint ist!
Immer, wenn ein Richter ein Urteil aufgrund von persönlichem Ärgernis fällt, immer dann, wenn ein Parlamentarier so abstimmt, wie er es letztendlich tut, weil ihm ein Geschäftsmann viel Geld dafür versprochen hat, immer dann findet ein Verbrechen statt, kein Verbrechen gegen das praktische Recht, sondern ein Verbrechen, eine Schandtat gar gegen die Idee, das Konzept der Gerechtigkeit, gegen die blinde Justitia selbst.
Weil nun das Recht jederzeit von Menschen verändert werden kann und weil Menschen so weit korrumpiert werden können, dass sie nicht nur wider das Recht, sondern auch wider die Idee der Gerechtigkeit handeln, ist das Recht selbst in Gefahr korrumpiert zu werden und mit Sicherheit bereits tatsächlich derartig verdorben. Hieraus erwächst eine größere Gefahr, als sie ein einzelner Mensch je darstellen könnte: Wenn die Gesetze, denen die Allgemeinheit folgen muss, um die Ordnung zu erhalten, ideell schon nicht gerecht sind – wie könnten sie praktisch auch nur für einen Einzigen förderlich und gerecht sein? Wie kann man irgendjemanden zwingen, ungerechte Gesetze zu befolgen? Und macht sich nicht der Gesetzgeber selbst strafbar, wenn er durch die Erlassung eines ungerechten Gesetzes gegen das oberste Gebot der Gesetzgebung, nämlich die Gerechtigkeit, handelt?

Hier und heute, und nicht bloß am Ende dieses Textes, stellen sich uns tatsächlich solche Fragen, die sich zwar beantworten lassen, jedoch dadurch allein nicht aus der Welt geschafft werden können. Wir können sie aufschieben, in spektakulärer Art und Weise den sich förmlich aufdrängenden Fragen aus dem Weg gehen, doch ist der Prozess des Verderbens erst im Gange, werden wir förmlich zusehen können, wie das Recht durch Bequemlichkeit und Egoismus ungerechter und verdorbener werden wird, bis man nach Regeln leben muss, die nicht gerecht sind und somit auch keineswegs sinnvoll sein können. Jeder, der eine Freveltat an der Gerechtigkeit tätigt und sich als Profiteur sieht, macht in Wahrheit denselben Verlust wie jedes Opfer seines Verbrechens. Selbstgerecht, wie wir sind, brauchen wir einen Schutz des Rechts vor Ungerechtigkeit – ein Schutz, der uns gegenwärtig fehlt.

Doch wer weiß. So, wie wir uns von der alleinigen Wahrheit zugunsten der Meinungsfreiheit verabschiedet haben, ist es denkbar, dass das Recht selbst irgendwann, in ferner Zukunft obsolet sein wird – in einem Zeitalter der Gerechtigkeit.

Ein herzliches Dankeschön an Mag. Kerstin Schöttl, die Niklas zur Preisverleihung an die Uni Klagenfurt begleitete.

 

» Website der Philosophieolympiade: https://www.philolympics.at

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Gelesen 755 mal Letzte Änderung am 22. 08. 2019